Die Reise zum Mond

 

 

Noch waren wir mit der familiären Gemeinschaft unterwegs. Jeder hatte einen Blumenstrauß in der Hand, als wir die Grabfläche meines Vaters besuchten. Nelken, Rosen und Stiefmütterchen waren zwar kein muss, dennoch beruhigte es unsere Seele sehr. Die Blumen in den verschiedensten Farben legten wir flächentreu auf die sattgrüne Wiese. Der Wind war deutlich zu spüren, als ein älterer Herr meine Hand nahm, und mit mir ein kleines Gespräch begann. Sein dünnes Gesicht, worin die Augen kugelrund leuchtend erschienen, zeigten zum Himmel hinauf sehend. Sein etwas längeres silberweißes Haar leuchtete in der Sonne und leise hörte ich ihm zu.

„Wusstest du, dass sich der Mond mit mir bewegt? Ich habe das letzte mal daran gedacht, als ich noch klein war.“ Er hängte sich mit seinen schmalen Arm bei mir ein. Ich sah ihn an. „So wie die Sonne sich am Tag des Rhythmus um die Welt dreht, so dreht sich auch der Mond um den Erdball. Wir können mit allem in Verbindung bleiben.“ Er sah wieder in den halb sichtbaren Mond, als kleine weiße Wölkchen am Himmel vorüberzogen. „Mir war das rotieren der Sterne und Planeten im Weltenall nicht mehr klar, denn ich befand mich in einer materiellen Welt. Es war einfach schön hinauf zusehen. Wenn ich abends aus dem Fenster sehe und in meinem Bett liege, fühle ich mich mit dem Mond verbunden und nahe. Als würde ich mit ihn reisen. In einer Zeit die Unendlichkeit heißt. Kannst du es verstehen?“ Wir standen uns gleichermaßen gegenüber und sahen uns in die Augen. Ich konnte mein Lächeln nicht unterdrücken. Dieses etwas andere Gesprächsthema entzückte mich. Man hörte selten von solchen Beobachtungen. Mein Gefährte sah uns vom weitem an, und rief zwischen den Bäumen hinüber: „Na, ist mein alter Herr gläubig geworden?“ Ich schüttelte mit dem Kopf und fragte: „Wie kommst du darauf?“ Funkelnd blaue Augen sahen mich an: „Ihr habt gemeinsam, zur selbigen Zeit in den Himmel hinauf gesehen und die Hand zum Himmel gerichtet. Zur gleichen Zeit habt ihr euch in die Augen geschaut. Es sah so aus, als würdet ihr an eine höhere Macht glauben.“ Ach so, dachte ich, mein Glauben endet in der Welt nicht, aber wie sah es mit vielen anderen Menschen aus? Die familiäre Gemeinschaft würde mit Sicherheit auch an irgendetwas glauben, aber sie sind nicht Gottestreu. Es ist ja auch nicht schlimm, wenn man zum Wohle der Menschheit ging.

Zusammen gingen wir in einem Restaurant Essen und alles verlief in ganz normalen Bahnen des eigentlichen Lebens. Die Unterhaltungen befanden sich wieder auf der irdischen Ebene. Jedoch vergaß man schnell den eigentlichen Anlass, wieso wir uns getroffen hatten. Jeder erzählte etwas von seinem eigenen Leben. So wie es gang und gäbe ist. „Gehen wir gemeinsam eine rauchen?“ Fragte mich mein Gefährte , um mich zu einem persönlichen Gespräch zur Seite zu stellen. „Ja, ich komme mit dir mit.“ Nippend trank ich aus meinem Glas Wein und bewunderte die Zeichenkunst im griechischen Ambiente. Wir standen auf, entschuldigten unser Gegenüber und traten aus dem Gebäude auf die Terrasse. Wie ein edler Gentleman bat er mir eine Zigarette an und begann mit den nächsten Lauten: „Ich finde die Menschen werden immer kaltherziger, sie denken nur noch an sich, aber niemand, aber auch niemand sah heute deinem Vater ins Gesicht.“ Ja, womöglich sind diese Worte kaum für einen anderen Menschen zu verstehen. „Jetzt, weißt du, wie ich schon zur Beerdigung meines Vaters dachte. Ich empfand die Menschen schon immer in ihren eigenen Lauf etwas kaltherzig. Keiner dachte wirklich an die Beisetzung und der letzten Wünsche meines Vaters zur damaligen Zeit. Bei Ihnen drehte sich die Welt um ihr Geld, um kleine tröstende Worte, um die Grabbestecke und um ein großen Trauerschmaus, anstatt auch für die Trauernden wirklich da zu sein. Verstehst du mich heute, wieso ich damals vor sieben Jahren nicht beim Essen dabei war und ich als letzter den Friedhof verlassen habe?“ Vermutlich war meine Trauer zu groß. Ja, ich hörte damals von weiter Ferne munkeln, „Nahe, die Susi sieht so kreidebleich um ihre Nase aus, als würde sie jeden Moment umkippen.“ Das war es aber nicht. Nein, ich hatte andere, viel bessere Aufgaben in Sicht. Jeder bekam von mir einen geschriebenen Nachruf und eine Danksagung zur aufrichtigen Anteilnahme. Und ich verweilte mit meiner kleinen Familie, bis alle weg waren, bis zum Schluss auf dem Friedhof . „Doch diese Zeit ist vorüber, wir sollten uns jetzt auf die Gegenwart konzentrieren, und nicht mehr in der Vergangenheit lauern. Wie sage ich immer so schön. Jeder verarbeitet die Trauer etwas anders. Und sicherlich kennen die Menschen schon die eigentliche Liebe, die dir aber so klein vor kommt.“ Er nahm mich in seinem Arm, und ich wusste seine Liebe ist in Laufe der Zeit mit mir zusammen gewachsen. Die weit größer erscheint, aber niemals des Universums gleich.

Als wir zusammen aus der Gaststätte gingen um uns zu verabschieden, sah uns ein kräftiger Mann an. Er lief noch einige Meter mit uns mit und überlegte. „Soll ich die Beiden mit dem Auto mitnehmen?“ Doch wir fragten nicht, und der kräftige Herr schwieg. Somit verabschiedeten wir uns an der nächsten Kreuzung. Hand in Hand liefen wir gemeinsam unter dem schönen blauen Himmel die Allee, zur S-Bahn-Haltestelle lang. Sofort trudelte die S-Bahn ein und wir stiegen ein, suchten uns einen Sitzplatz und ich sagte noch: „Wieso kann man sich nicht einmal zur Verarbeitung des Ablebens meines Vaters zum Todestag, nur einmal im Jahr unterhalten? Ich kann ja verstehen das viele Leute verstummt sind mit der Trauer, dennoch, es ist schon sieben Jahre her. Hin und wieder sollte man sich doch damit auseinander setzen können.“ Die Wange streifte die Wange der anderen, als würden insgeheim Tränen von früherer Zeit weg gewischt werden. Wir lächelten und sahen eine größere Gruppe von Asylanten in die S-Bahn steigen. Sie nahmen keinen Halt. Laute Worte beunruhigten die Fahrgäste, die in anderer Sprache in unseren Ohren lagen. Ich hielt inne als wir an unserer Haltestelle angekommen waren. Den ein hasserfüllter Mann stellte sich mit breitem Kreuz und mit festem Halt vor die Tür der S-Bahn. Noch dachten wir uns nichts dabei, als ich seitlich neben ihm ausstieg. Er drückte mit vollster Gewalt meinen Gefährten zwischen den Haltestangen und der Tür in die Enge. Bin ich jetzt im verkehrten Film, davon träumte ich in der letzten Nacht, doch ich hätte geglaubt es würde niemals wahr. Ich ging in eine Hilfestellung gegenüber, und schubste kurz den Knaben von meinen treuen Freund weg, damit er sich befreien konnte. Ich sah ihn erschrocken an, doch noch mahnte ich diesen gewalttätigen Mann. Normalerweise hätte ich solche Worte nicht einmal in den Mund genommen, doch ich musste mit erhobener Stimme sprechen. „Können Sie nicht aufpassen. Soll ich hier auch gleich mal gewaltig Ihnen gegenüber werden?“ Er schaute mich ganz erschrocken an, als er sah, das ich keine Ausländerin war. „Ich hasse Ausländer.“, brüllte er hasserfüllt. Seine negative Aura war beängstigend. „Sehen wir so aus als wären wir Ausländer?“ Er sah sich nochmals um, als er eigentlich schon schnell davonlief, mit einem unruhigen Gefühl, dass er etwas verkehrt gemacht hätte. „Ja, das sagen sie alle, das sie keine Ausländer wären.“ Und er verschwand in der dichten Menschenmenge, die uns nur ansah. Was war hier los, in welcher Welt lebten wir? Wieso übermannen sich die Menschen in Ihrer Gewalt? Kann man nicht vernünftig bleiben?

Ohne das jemand wirklich von uns verletzt wurde gingen wir Heim. Und der Abend leuchtete bald in die Fenster der Wohnung hinein. Kleiner Engel, wo willst du hin? Ich sah ihn in seinem Traum als ich vor ihm saß und seine Hand nahm. Schnell und tief atmend schlief mein treuer Gefährte auf dem Schlafsofa vor mir ein. Und ich leuchtete meine liebevollen Gedanken in ihn ein. Der Himmel war noch verschlossen, doch er hat sich im goldenen Licht befunden. Kleiner Engel, mit wem hast du kommuniziert? Die dunklen Wolken zogen drastisch am Himmel vorüber. Und ich dachte schon er ginge jetzt von mir. Meines verstorbenen Vaters Anwesenheit war im Zimmer deutlich zu spüren, so wie es unser Wunsch entsprach, öffneten sich schon fast vor ihm die Türen. Die Kerze leuchtend helle im dunklen Raum, die sinnliche Musik erklang im seinem Rhythmus. „Gehe nicht von mir. Ich brauche dich doch noch bei mir.“ Sanft hat er sich im Schlaf erholt. Doch ich sah ihn aus seinem Körper schauend, zum goldenen Lichte, das sich vor mir noch nicht in Bildern zeigte. War es seine eigene Welt die ich nicht erblicken durfte? Nur sanft sprießte aus seinem Körper ein großes Federkleid. Feder zu Feder wurden sie zu einem weißen Flügel entfaltet. „Fliegst du schon vor mir weg? Sag, was ist nur los, du leidest auf dieser Welt. Mit wem hast du gesprochen im Traum, als ich dein leises flüstern, als wärst du in einer anderen Dimension, wahr nahm.“ Es waren sicherlich nicht nur meine Gedanken. Denn zum Himmel hinauf sehend hat er etwas betrachtet, als er aus seinem Körper hinauf sah, ganz fest und tief im Schlafe. Ein leises murmeln lag in seinen Worten: „Es ist so schön mich aus dem Körper zu entkleiden und mich zum Monde aufwärts fliegend zu sehen. Ich wandle mit dem Mond im Takt und meine Worte bleiben im Gedächtnis für immer dar.“ Ich fühlte wie so oft viele Engel um uns herum, die fest an uns glaubten. Seine Flügel gingen von Feder zu Feder zurück in seinem Körper. Und schon sah ich ein leises nicken mit seinem Kopf , immer noch hinauf schauend in die Lüfte, als er im Traum vor mir lag und ich seine Hand liebevoll gehalten habe. Ich war wohl ein unruhiges Wesen in dieser Nacht. „Komm bitte zu mir zurück, entgleite mir nicht für die Ewigkeit in deine Welt.“ Noch vor kurzem waren seine Laute: „Falls mir etwas geschehen sollte, dann wirst du mich immer auf dem Mond sehen, der seid Lebzeiten mein persönlicher Begleiter ist.“ Die Wolken gingen auf, als ich zum Fenster hinaus sah, die Sterne waren hell zu sehen und die Kälte vom Wind war deutlich zu spüren. Seine Augen schlugen auf, aus seinem Traum erwacht sah er mich mit großen, hellen Augen ganz stolz an und sah wie ich seine Hände gehalten hatte: „Du siehst wie eine Heilige aus.“, waren seine Laute.

Kleiner Engel, wo willst du hin? Kannst du mich nicht verstehen, ich brauche dich doch noch hier bei mir. Ich mag meinen Weg nicht mehr alleine gehen. Er hat mich gelehrt. In seinen Fussstapfen der Weisheit verweilte ich. Nehme meine Tränen nicht für wahr, denn ich habe gelernt loszulassen. Genau dieses waren meine Gedanken. Er stand auf , nahm mich in seinen Arm und wir gingen auf den Balkon und sahen den prächtigen Mond, mit den umkreisenden Sternchen an. Der Sturm zog kurz, aber sehr wild vorüber. Die Baumkronen bewegten sich mächtig nach Norden, als lag eine große Veränderung in der Luft. Erkennend und wissend sah er mich mit großen Augen an. „Dieser Sturm der Veränderung gefällt mir überhaupt nicht.“ Noch lagen wir uns in den Armen, so wie wir uns einst kennen lernten. Und ich konnte seine Läuterung nicht widersprechen. „Mir gefällt der Sturm auch nicht.“ Wir sahen uns freundlich an, und nahmen uns für das weitere Leben an die Hand.

 

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© S.J.M. 


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